Ausgabe vom 21. Oktober 2006

„Wir heizen nun im Winter mit 20 Grad und ziehen uns wärmer an, in der alten Wohnung waren es 22 bis 23 Grad.“ Lutz Würzberger, 62, ist kein Wesen mit emotionalen Eruptionen, seine Frau Monika, 58, ebenfalls nicht. Ruhig und sachlich erzählen sie von ihren Lebensumständen, die seit 2005 nicht zuletzt durch die Hartz IV-Gesetzgebung ein jähes Umorientieren erforderten. Um 150 Euro Miete zu sparen, zogen die Eheleute am 26. Januar 2005 von einem Ende Markranstädts zum anderen.

Monika und Lutz Würzberger
Monika und Lutz Würzberger mit ihrem Erlebensbericht in der hallo! vom 15. Januar 2005. Die beiden Markranstädter waren die ersten, die sich an uns wandten, als ihnen die wirtschaftliche Lage eine günstigere Mietwohnung abverlangte.

Das jahrzehntelang in der Espenhainer Bergbauentwässerung und Pumpenreparatur beschäftigte Paar muss nun allein mit dem 1.370 Euro Arbeitsteilzeit-Nettoeinkommen von „ihm“ auskommen. Diese Summe ist zu hoch, als dass Monika Würzberger auch nur mit einem Cent ALG II-Förderung liebäugeln könnte. Bis Dezember 2004 kam für sie noch ein kläglicher Arbeitslosenhilfe-Wochensatz von 56,77 Euro zusammen. Nun kratzt sie monatlich 55 Euro Aufwandsentschädigungen für ehrenamtliche Hilfe im Seniorenbereich zusammen.
„Wir wissen, dass es vielen Leuten schlechter geht als uns“, führt der Mann weiter aus. „Wir mussten bislang weder unter der Brücke schlafen, noch zum Schuldnerbüro gehen. Ich habe nichts gegen die nun in die Diskusionen eingebrachte Formulierung Unterschicht. Es trifft schon den Nagel auf den Kopf. Für uns beide möchte ich aber lieber sagen, dass wir die Verlierer der Gesellschaft sind.“
Lutz Würzberger spielt dabei auf den großen Geldverlust durch die an die Bank zurückgekaufte vermietete Eigentumswohnung an. Zu alten Währungszeiten noch für ca. 288.000 Mark erstanden, fehlten 2005 noch zwei Jahre bis zur gänzlichen Raten-Abzahlung. Da die Mieteinnahmen wegbrachen, lag die Tilgung darnieder. Für nur noch 45.000 Euro fand die Bank rasch einen Kauf-Interessenten. Lutz Würzberger ließ seine fünfstellige Lebensversicherungs-Summe einfließen und wunderte sich, dass die Bank ihnen eine erhebliche Zinssumme erließ.
Monika Würzberger hat inzwischen die volle Wucht von Sankt Bürokratia zu spüren bekommen. Plötzlich hieß es vom blutjungen 19-jährigen Sachbearbeiter der Leipziger Arbeitsagentur: „Bei mir sind Sie jetzt falsch! Lesen Sie denn nicht Zeitung, dass jetzt Borna für Sie zuständig ist?“ Eine Bezahl-Zeitung können sich die Würzbergers schon lange nicht mehr leisten. Eine vom Sachbearbeiter heraus gegebene Telefonnummer erwies sich widerum als „unzuständig“, der zweite barsche „Anpfiff“ folgte auf dem Fuß. „Jetzt in Borna bin das erste Mal freundlich behandelt worden. Noch nie zuvor erhielt ich einen Termin mit einem Arbeitsvermittler“. Der erste Termin wurde ihr am gestrigen Freitag um 11 Uhr zuteil, ein Ergebnis stand bei hallo! Redaktionsschluss noch nicht fest.
Dass am Mittwoch von der Stadt Leipzig vorgestellte „Statistische Jahrbuch 2006“ teilt die Berufswelt lediglich in „Voll- und Teilzeitbeschäftigte“. Klassifizierungen nach ABMs oder 1-Euro-Jobs fehlen. „Die verantwortlichen Bundesstellen haben selbst allergrößte Probleme, zu diesen Bereichen verlässliche Daten zu erheben“, entschuldigte sich fast schon Peter Dütthorn, Abteilungsleiter im Amt für Statistik und Wahlen.
Die ARGE verzeichnet stadtweit ca. 49.220 Bedarfsgemeinschaften – Tendenz leicht sinkend. Sie verschickte im vergangenen Jahr 430, 2006 bislang „nur“ 116 Aufforderungen an ALG-II-Bedarfsgemeinschaften zum Umzug in eine kleinere Mietwohnung. Dafür haben die Würzbergers eine eigene Erklärung. „Sie wollen, dass man selbst die Kisten packt.
Schließlich muss die ARGE bei freiwilligem Auszug keine Umzugsbeihilfe zahlen“, so Lutz Würzberger sarkastisch. ARGE-Pressespecherin Ines Dreilich hat eine andere Erklärung: „Die ALG-II-Beantrager sind inzwischen besser informiert, welcher Wohnraum ihnen zusteht.“

Text und Foto: Andreas Krüger

Gruselige Wahrheiten rund um die Schwarzarbeit: Sie frisst inzwischen 16 Prozent des deutschen Bruttoinlandproduktes mit einem jährlichen Volumen von 345 Milliarden Euro auf. Eine Summe also, die Vater Staat null Cent Einnahmen beschert. Dagegen muten die ca. 156.000 Euro Bußgelder, die 2005 in rund 1.100 Verfahren den „schwarzen Schafen“ Sachsens auferlegt wurden, wie die symbolische dritte Tüte Chips an, die man seinem Kinde nach dem heißhungrigen Verzehr der ersten beiden Tüten zu spät wegnimmt – es lebe die gespielte Entrüstung!

Babys sind hilflos und leben in ihrer eigenen Welt? Weit gefehlt. Schon ein Neugeborenes ist auf Interaktion ausgerichtet und versucht den Gesichtsausdruck der Mama zu imitieren. Hier liegt der Schlüssel zum Lernen. Wie genau dieser Wissenserwerb durch soziale Reize funktioniert, untersucht die US-Amerikanerin Dr. Tricia Striano seit dem Jahr 2000 an tausenden Leipziger Babys zwischen 6 Wochen und ca. einem Jahr.
Ihre Forschungsergebnisse sind so bedeutend, dass sie 2004 den hochdotierten Wissenschaftspreis „Sofja Kowaleskaja“ der Alexander von Humboldt-Stifung bekam. Er sichert dem Leipziger Forschungslabor für frühkindliche Entwicklung die Arbeit bis Ende 2008.
Gerade jetzt, wo schreckliche Geschichten von vernachlässigten Babys durch die Medien geistern, zeigen sie, wie wichtig die richtige Betreuung im ersten Lebensjahr ist. Galt bei vielen Forschern bislang die Meinung, dass Kinder in diesem Zeitraum nicht gleichzeitig begreifen können, wie ein Spielpartner mit einem Spielzeug und ihnen selber interagiert, konnte Striano das Gegenteil nachweisen.
Schon mit sechs Wochen versteht unser Nachwuchs die Dreierkombination Spielzeug, Mama, Ich. Gelernt werden solche Dinge allerdings nur über soziale Interaktion. „Wir haben 24 EEG-Studien und 25 Verhaltensstudien aus diesen Bereichen durchgeführt. Blickkontakt und/oder Sprache einer erwachsenen Person waren immer wichtig für Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen der Babys“, erzählt Stefanie Höhl, Diplomandin im Babylabor, und gibt ein Beispiel: Das Gehirn eines neun Monate alten Kind wird durch eine EEG-Haube – völlig schmerzfrei – verkabelt. Dann spricht eine Person mit ihm und schaut mit dem Krümel zusammen auf einen Bildschirm. Im zweiten Versuch spricht niemand und das Baby soll allein TV gucken. Das Ergebnis - allein die Beschäftigung des Erwachsenen bewirkt eine höhere Konzentration.
In einem anderen Experiment – verrät Stefanie Höhl – sollten die kleinen Versuchspersonen über eine Plexiglasscheibe krabbeln, unter der sich ein Abgrund auftat. Nur das Kleine, mit dem die Mama viel sprach, traute sich. Ebenfalls eine Erkenntnis aus dem Versuchslabor: Unsere Kinder brauchen promte Reaktionen. Reagiert eine Mutter – wie das z.B. bei Depressiven der Fall ist – nicht unmittelbar, fühlt der Nachwuchs sich verunsichert. Das kann negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten und das wiederum auf das Lernen haben.
Schon im zarten Alter von nur neun Monaten haben übrigens die Kleinen die Fähigkeit sich zu wundern, wenn ein Erwachsener nicht das tut, was von ihm erwartet wird. Führt er den Löffel statt zum Mund, zum Auge funkt die Synapse des Babys genauso Erstaunen wie die von Mama oder Papa.
„Bislang haben wir das Lernen nur in Leipzig erforscht. Seit kurzem gibt es auch ein interkulturelles Projekt. So ist es z.B. in Fernost oft weniger wichtig, dass das Kind im eigenen Bett schläft, als das es in die Gruppe integriert wird. Wir untersuchen solche Unterschiede völlig wertungsfrei“, gibt Diplomandin Höhl einen Ausblick in die Zukunft des Babylabors.
Auch autistische Kinder sind jetzt in den Fokus des Wissenschaftsteams gerückt. Gerade im zwischenmenschlichen Lernen – das für „Normale“ so wichtig ist – haben sie Defizite. Leider wird Autismus oft erst im späten Kindergartenalter erkannt. Frühe Diagnose und der umgehende Behandlungsbeginn sind ein aktuelles Ziel des Leipziger Labors für frühkindliche Entwicklung.
www.infancy-research.com

Text : Swenia Teichmann

Mehr in der neuen hallo! - immer samstags in Ihrem Briefkasten!